Lichtburg Saal

Das weiße Band

Deutschland / Österreich / Frankreich / Italien 2009; Regie und Buch: Michael Haneke; mit Christian Friedel, Ulrich Tukur, Burghart Klaußner, Josef Bierbichler, Rainer Bock, Leonie Benesch, Susanne Lothar, Detlev Buck; Länge: 145 Minuten , FSK ab 12 Jahre

Filmmatinee zum Thema Kindheiten
So. 19.09.2010 um 12.00 Uhr im Sabu in der Lichtburg
Einführung: Dr. med. Johannes Döser, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychatrie

Kindheiten - Eine Veranstaltungsreihe zur Bedeutung des Schöpferischen zwischen Glück und Leid der kindlichen Entwicklung.
Veranstalter: Kinderwelten e.V.
Kinderwelten e.V. ist ein eingetragener gemeinnütziger Verein, der im Jahr 2009 von Psychologinnen und Psychologen, Ärztinnen und Ärzten aus dem Ruhrgebiet gegründet wurde. Zweck des Vereins ist die Sensibilisierung der interessierten und/oder fachkundigen Öffentlichkeit für die Belange von Kindern und Jugendlichen in ihrer seelischen Entwicklung, insbesondere der Förderung ihrer kreativen Möglichkeiten.

www.veranstaltungkindheiten.de
Den Flyer zum Download finden Sie hier (1,25 MB).


Kinotrailer von Filmtrailer.com

Er gehört zu den ganz Großen, zu den verlässlich Rigorosen des europäischen Autorenfilms. Mit neun seiner zehn Kinoproduktionen ging Michael Haneke nach Cannes, sechsmal war er im Wettbewerb – und nun gelang dem Österreicher der Coup: Goldene Palme für „Das weiße Band“. Deutsch-Film-Land darf gleichfalls mitjubeln: majoritär deutsche Produktion (federführend: X-Filmer Stefan Arndt), heimische Akteure und Drehorte. Last not least „eine deutsche Kindergeschichte“, wie der Untertitel programmatisch lautet. Erzählt wird von seltsamen Ereignissen in einem Dorf, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Ein Mikrokosmos aus subtiler Gewalt und ständiger Schuld. Kinder als unschuldige Opfer, (v)erzogen zu späteren Tätern. Ein Drehbuch, als wäre es von Ödön von Horvath – dabei handelt es sich „nur“ um die wohl beste Literaturverfilmung ohne Romanvorlage.

Wir waren gewarnt: Der gemütliche Erzähler verrät uns gleich zu Beginn, dass sich in dieser Geschichte einige unheimliche Dinge zutragen werden. Der Mann weiß ganz genau, wovon er spricht, schließlich war er vor 50 Jahren in diesem Dorf der Lehrer. Alles beginnt mit einem mysteriösen Reitunfall. Der Landarzt stürzt schwer bei seiner Rückkehr. Ein unsichtbares Seil brachte das Pferd heimtückisch zu Fall. Wenig später wird eine etwas kränkliche Frau das Opfer eines tödlichen Unfalls im Sägewerk. Aus Rache wird das Kind des Barons schwer misshandelt, später das behinderte Kind der Hebamme. Sollten die sommersprossigen Kinder etwas mit der Sache zu tun haben, wie es der Dorflehrer später vermutet?

Leidensdruck gäbe es genug, von den täglichen Schuldeinimpfungen über sexuellen Missbrauch bis zu Züchtigungen. „Herr Vater“ sagen die braven Kinder stets gehorsam. Doch wenn es dem Pastor (ein grandioser Burghart Klaußner) nicht passt, holt er die Schuldkeule aus dem heimischen Schrank. Da wird ihnen etwa das titelgebende „weiße Band“ als öffentliches Zeichen ihrer Schuld angeheftet. Oder dem pubertierenden Sohn werden die Arme ans Bett gebunden, damit er sich nächtens nicht mehr unsittlich berührt. Beim Gutsverwalter (Josef Bierbichler) geht es gleichfalls ruppig zu: Kleine Sünden bestraft der Vater sofort mit der Reitgerte oder ein paar Tritten in die Rippen. Beim nach außen hin so freundlichen Doktor geht es intimer zu: Er missbraucht die minderjährige Tochter vor den Augen des kleinen Sohnes. Gegenüber seiner Geliebten, der Hebamme, verhält er sich nicht minder brutal: „Du bist hässlich, ungepflegt und riechst aus dem Mund. Da hätte ich auch eine Kuh bespringen können. Warum stirbst du nicht einfach!“

Hinter den frömmelnden Spießerfassaden brodelt eine Welt aus Missbrauch, Verboten und struktureller Gewalt. Ein Mikrokosmos aus Demütigung, Drohung, Denunziation. All das scheint ganz normal, nur die sensible Baronin will fliehen aus dieser Welt von Brutalität und Unterdrückung. Und auch der junge Lehrer zeigt Herz, verliebt sich gar romantisch in ein junges Kindermädchen - deren Vater freilich bleibt stur (gespielt von einem herrlich lakonischen Detlev Buck). Bald dämmert der Vorabend des Ersten Weltkrieges. Nicht lange, und die missbrauchten Kinder dürften zu Tätern mutieren.

Schon immer interessierte sich Haneke für das Koordinatensystem der Gewalt, für die Banalität des Bösen. Mit maximalem Minimalismus hält er seine Kamera gnadenlos als Mikroskop auf das Monster Mensch, verzichtet dabei bewusst auf den moralischen Zeigefinger oder altkluge Erklärungen – seine bösen Buben in „Funny Games“ ließ er einst ja sogar Witze über Erklärungsversuche machen. Eiskalt und emotionslos bringt er mit erlesenen Bildern in schwarz-weiß ein wenig Licht in die düsteren Zusammenhänge menschlicher Abgründe, zeigt die Entwicklung von Schuld und Gewalt im kleinen Alltag bis eben zum Vorabend des großen Krieges.

Dass dieser Horrorfilm der etwas anderen Art so beklemmend funktioniert, verdankt er seiner psychologisch präzisen Dramaturgie, die von einem hervorragenden Ensemble packend umgesetzt wird. Von den Kindern (aus mehr als 7.000 Bewerbern ausgesucht), über den leinwandpräsenten Newcomer Christian Friedel als Lehrer bis zum stets punktgenauen Burghart Klaußner als Pastor.

Bei diesem strengen Film über die Strenge ist Ingmar Bergman natürlich nicht weit. Doch Entwarnung: Die zunächst vielleicht abschreckenden 145 Filmminuten fallen höchst kurzweilig und spannend aus. Eigentlich eine perfekte Literaturverfilmung - nur dass es hier gar keine Romanvorlage gab. Deutsch oder Österreich? „Es ist ein Haneke-Film. Der Rest ist mir egal“, sagt der Regisseur amüsiert.

Quelle: Dieter Oßwald, Programmkino.de

Mehr Infos

Der Film im Internet

www.dasweisseband.x-verleih.de

Szenenfotos